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Moremi Game Reserve im Porträt: Das geschützte Herz des Okavango

Es klingt wie ein Naturgesetz, das auf den Kopf gestellt wurde: Mitten im trockenen Winter, wenn die Kalahari ringsum zu Staub zerfällt, steigt im Moremi Game Reserve das Wasser. Der Regen, der Monate zuvor im Hochland Angolas gefallen ist, wandert als träge Flutwelle den Okavango hinab und breitet sich genau dann über die Ebenen des Deltas aus, wenn das Land ihn am dringendsten braucht. Dieses Paradox macht den Osten des Okavangodeltas zu einem der wildreichsten Winkel Afrikas, und das Moremi Game Reserve ist sein einziger formell geschützter Kern. Wer klassische Botswana-Safari sucht, mit Elefantenherden, Wildhunden und Lagunen voller Flusspferde, landet früher oder später hier.

Eine Flut, die im Winter kommt

Der Okavango ist ein Fluss, der das Meer nie erreicht. Von den angolanischen Bergen fließt er nach Südosten und fächert sich schließlich über dem flachen Sandbecken Nordbotswanas zu einem der größten Binnendeltas der Erde auf. Weil das Gefälle minimal ist, kriecht die jährliche Flutwelle nur langsam durch die Kanäle und erreicht Moremi erst in der Trockenzeit. Dann füllen sich Lagunen, Altarme und Überschwemmungsgrasflächen mit klarem Wasser, während das Umland verdorrt. Am Ende verdunstet das Wasser oder versickert im Kalaharisand, kein Tropfen fließt ins Meer ab. Dieser Pulsschlag aus Kommen und Gehen der Flut steuert das gesamte Ökosystem: Er bestimmt, wo Gras wächst, wohin die Herden ziehen und wo die Raubtiere warten. Für Besucher bedeutet er vor allem eines: Die beste Wildbeobachtung fällt in die Monate, in denen anderswo im südlichen Afrika die Landschaft am kargsten wirkt.

Vom Stammesland zum Schutzgebiet

Moremi verdankt seine Existenz nicht einer Kolonialverwaltung, sondern den Menschen, die hier lebten. 1963, noch vor der Unabhängigkeit Botswanas, erklärten die Batawana von Ngamiland einen Teil ihres eigenen Stammeslandes zum Wildreservat, weil sie mit ansehen mussten, wie unkontrollierte Jagd und vordringende Rinderposten den Wildbestand des Deltas ausdünnten. Benannt wurde das Reservat nach ihrem verstorbenen Häuptling Moremi III.; treibende Kraft der damaligen Führung war dessen Witwe Elizabeth Moremi, die die Regentschaft innehatte. Damit gilt Moremi als eines der frühesten Beispiele in Afrika, in denen eine lokale Gemeinschaft aus eigenem Antrieb Land für den Naturschutz reservierte. Später wuchs das Schutzgebiet, vor allem durch die Eingliederung von Chief's Island, der größten Landmasse im Delta, einst königliches Jagdrevier. Die späte Krönung folgte 2014, als das Okavangodelta als tausendste Stätte in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen wurde, mit Moremi als seinem lebendigen Zentrum.

Zwischen Mopanewald und Papyrus

Auf erstaunlich engem Raum verzahnt Moremi völlig unterschiedliche Lebensräume. Im Osten stehen dichte Mopanewälder, das Lieblingsrevier der Elefanten. Sie gehen über in offene Akaziensavanne, saisonal überflutete Grasebenen, von Papyrus gesäumte Kanäle und schattigen Galeriewald entlang der Wasserläufe. Tiefe, ganzjährig gefüllte Lagunen wie in der Gegend von Xakanaxa halten selbst am Ende der Trockenzeit Wasser, und der Khwai am Nordostrand des Reservats wirkt in den trockenen Monaten wie ein Magnet auf alles, was trinken muss. Chief's Island im Westen ergänzt das Mosaik um trockene Wälder und weite Ebenen; dort wurden Anfang der 2000er-Jahre auch wieder Nashörner im Delta angesiedelt, nachdem Wilderei sie Jahrzehnte zuvor ausgelöscht hatte. Für die Safaripraxis heißt diese Vielfalt: Eine einzige Morgenausfahrt kann vom Leopardenrevier im Uferwald über Lechwe-Ebenen bis in Elefantenland im Mopane führen, ohne dass man je lange durch leeres Gelände fährt.

Die großen Klassiker der Botswana-Safari

Was Moremi berühmt gemacht hat, ist die schiere Dichte und Verlässlichkeit der Tierbeobachtung. Elefanten begegnet man ständig, vom einzelnen Bullen bis zur Zuchtherde, die zwischen Inseln durchs Wasser zieht. Büffelherden wälzen sich durch die Ebenen, Flusspferde grunzen aus den Lagunen, gewaltige Nilkrokodile sonnen sich an den Kanalufern. Die Überschwemmungsflächen gehören der Roten Letschwe, einer Antilope, die mit gespreizten Hufen durch flaches Wasser sprintet wie andere über festen Boden. Im Papyrus versteckt sich die scheue Sitatunga, eine der begehrtesten Sichtungen Afrikas. Dazu kommen Giraffen, Steppenzebras, Streifengnus, Leierantilopen, Kudus und allgegenwärtige Impalas. In der Trockenzeit von etwa Mai bis Oktober konzentriert sich all das am dauerhaften Wasser des östlichen Deltas, und die Pisten zwischen Lagune und Grasland führen mitten hindurch. Wer schon in anderen Teilen des südlichen Afrika unterwegs war, merkt den Unterschied schnell: Statt lange Strecken nach Sichtungen abzusuchen, verbringt man in Moremi die meiste Zeit damit, sich zwischen ihnen zu entscheiden. Wildbeobachtung in Moremi hat deshalb oft etwas fast Theaterhaftes: Die Bühne ist klein, die Besetzung riesig.

Wildhunde und die Rangordnung der Jäger

Der Norden Botswanas zählt zu den letzten großen Rückzugsräumen des Afrikanischen Wildhunds, und Moremi steht seit Langem im Mittelpunkt dieser Geschichte. Ein Rudel dieser gescheckten Jäger bei der Begrüßungszeremonie zu erleben und dann zu sehen, wie es in der Abenddämmerung über eine Ebene ausschwärmt, gehört zu den eindrücklichsten Raubtiermomenten des Kontinents. Löwen sind die dominierende Macht des Reservats; manche Rudel haben wenig Scheu, für ihre Beute durchs Wasser zu waten. Leoparden finden im Galeriewald mit seinen großen Schattenbäumen ideale Bedingungen, weshalb Moremi zu den besseren Leopardenrevieren Botswanas zählt. Geparde bevorzugen die trockeneren, offeneren Ränder, und Tüpfelhyänen sind zahlreich, stimmgewaltig und an jedem Riss zur Stelle. Weil hier das komplette Raubtierensemble in gesunder Dichte lebt, spielen sich die ewigen Dramen von Diebstahl, Hinterhalt und wackligem Waffenstillstand mit einer Regelmäßigkeit ab, die Guides wie Forscher immer wieder zurückkehren lässt.

Ein Paradies für Vogelfreunde

Mehr als 400 Vogelarten sind im Raum Moremi nachgewiesen, und für viele Besucher hält die Vogelwelt mühelos mit dem Großwild mit. Das dauerhafte Wasser trägt Spezialisten, die man andernorts lange suchen muss: die mächtige Bindenfischeule, die nachts im Galeriewald auf Fischfang geht, den nur lokal verbreiteten Braunkehlreiher an zurückweichenden Flutkanten und würdevoll schreitende Klunkerkraniche in den offenen Sümpfen. Schreiseeadler rufen über jedem Kanal, Eisvögel mehrerer Arten arbeiten die Uferlinie ab, Blaustirn-Blatthühnchen trippeln über Seerosenblätter. Berühmt sind die Brutkolonien in den Lagunen um Xakanaxa, wo Reiher, Störche und Ibisse zu Hunderten in den Nistbäumen lärmen. In der grünen Regenzeit, grob von November bis März, kommen die Zugvögel dazu, die Standvögel brüten im frischen Prachtkleid, und wer mit dem Fernglas zuerst und der Kamera zweitens reist, erlebt womöglich die beste Zeit des Jahres.

Selbstfahrer oder Lodge: praktische Hinweise

Ausgangspunkt für Moremi ist Maun, die Safarihauptstadt Botswanas. Von dort geht es entweder per Buschflugzeug zu den Airstrips der Lodges oder im Geländewagen durch das South Gate ins Reservat. Selbstfahren in Moremi ist ein botswanisches Ritual: Die öffentlichen Campingplätze bei Third Bridge, Xakanaxa und an den Gates sind legendär, unumzäunt und vollkommen wild. Tiefsandpisten, Wasserdurchfahrten und das Fehlen jeglicher Läden verlangen ein gut ausgerüstetes Allradfahrzeug und komplette Selbstversorgung. Wer es komfortabler mag, wählt eine der Lodges im und um das Reservat, etwa in der Khwai-Gegend am North Gate, wo erfahrene Guides das Terrain lesen und Boots- oder Mokoro-Ausfahrten anbieten, gestakte Fahrten in traditionellen Einbaum-Kanus, die intimste Art, die Kanäle des Deltas zu erleben. Die Trockenzeit bringt kühle Morgen, lichte Vegetation und maximale Wilddichte; die grüne Saison lockt mit dramatischen Himmeln, Jungtieren und niedrigeren Preisen. Und wer beide Welten verbinden will, hängt an die Campingtage im Reservat ein paar Nächte in einer Lodge am Khwai an, wo abendliche Pirschfahrten außerhalb der Reservatsgrenzen möglich sind. In jedem Fall gilt: früh buchen, denn Moremis Ruf ist größer als sein bewusst knapp gehaltenes Platzangebot, und die begehrtesten Plätze in der Hochsaison sind oft viele Monate im Voraus vergeben.

Auf der Karte

Moremi belohnt gute Planung, denn seine Magie hängt davon ab, wo Wasser und Land in der jeweiligen Saison aufeinandertreffen. Öffnen Sie vor der Routenwahl die interaktive Karte und folgen Sie der Form des Reservats am Ostrand des Okavangodeltas: Maun im Süden, der Khwai-Korridor im Nordosten, dazwischen das Lagunenland um Xakanaxa. Wer Moremi einmal im größeren Zusammenhang des Deltas und der übrigen Wildnisgebiete Botswanas gesehen hat, plant die eigene Reise durch dieses Ausnahmereservat mit ganz anderem Blick.